Ich hatte schon davon gehört: von diesem miesen Sohlenfraß bei hochwertigen Wanderschuhen, der sich im ungünstigen Fall schon etwa fünf Jahre nach der Produktion einstellen kann – egal, ob die Schuhe viel getragen wurden oder hauptsächlich im Schrank standen.
Ein Reiseanbieter für aktive Gruppenreisen weist in seinen Vorbereitungsmails sehr ausführlich darauf hin. Deshalb war ich vorgewarnt. Bei meinen Wanderschuhen hatte ich irgendwann eine winzige Ablösung zwischen Sohle und Obermaterial entdeckt und mir vorsichtshalber neue gekauft. Die haben mich inzwischen schon viele Kilometer zuverlässig getragen.
Die alten Schuhe aber? Die standen weiterhin da. Von außen top. Das Leder gepflegt, das Profil kaum abgelaufen. Und vor allem: Sie passen einfach richtig gut.
Ein letzter Versuch
Als ich allein im wunderschönen Tannheimer Tal unterwegs war – ohne Zeitdruck und ohne eine Gruppe, für die ich Verantwortung trage – dachte ich: Jetzt probiere ich sie noch einmal aus. Ich schlüpfte hinein, freute mich über die vertraute Passform und den weichen Gang und lief los.
Ich kam ungefähr zwei Kilometer weit, bis ich merkte: Hier stimmt was nicht.
Es fühlte sich an, als würde ich an der Ferse etwas hinter mir herziehen. Ich schaute nach unten – und da klaffte plötzlich ein ordentlicher Spalt zwischen Schuh und Sohle. Die Zwischensohle hatte begonnen, sich aufzulösen. Mit diesem Schuh konnte ich den geplanten Aufstieg vergessen.
Schlapp, schlapp zurück ins Hotel
Immerhin hatte sich mein Schuh einen ziemlich günstigen Ort für sein Ableben ausgesucht: direkt neben einem Sessellift mit Sportgeschäft.
Natürlich habe ich kurz überlegt, einfach hineinzugehen und neue Wanderschuhe zu kaufen. Im Sinne der Nachhaltigkeit meines Geldbeutels entschied ich mich dann doch dagegen. Schließlich hatte ich im Hotel ein zweites Paar Wanderschuhe.
Also: umdrehen.
Der Rückweg war ein Graus. Der Spalt zwischen Schuh und Sohle wurde immer größer – und dann fing der andere Schuh auch noch an.
Schlapp. Schlapp. Schlapp.
Bei jedem Schritt wurde es schlimmer.
Ich war sehr froh, dass ich mitsamt den Sohlen noch im Hotel angekommen bin. Und noch viel froher darüber, dass das Ganze vor dem Aufstieg passiert ist.
Warum lösen sich Sohlen bei alten Wanderschuhen?
Das Tückische daran: Ein Wanderschuh kann von außen noch hervorragend aussehen, während die Zwischensohle bereits altert.
Bei vielen hochwertigen Wander- und Trekkingschuhen wird dafür Polyurethan (PU) eingesetzt. Das Material bietet einige Vorteile, unterliegt aber einem natürlichen Alterungsprozess. Unter ungünstigen Bedingungen können erste Zersetzungserscheinungen bereits einige Jahre nach der Produktion auftreten.
Der Hersteller meiner Schuhe, Meindl, informiert selbst sehr ausführlich über die Alterung von PU-Sohlen, mögliche Einflussfaktoren und darüber, warum PU trotz dieser Eigenschaft weiterhin für Wanderschuhe eingesetzt wird.
Weiterlesen: Meindl – Alterung von PU-Sohlen: Gründe und Hintergründe
Was ich daraus mitnehme
Erstens: Es war verdammt gut, auf die Erfahrung von Wanderreise-Profis zu hören.
Zweitens: Bei Wanderschuhen reicht der Blick auf Leder und Profil nicht aus. Auch das Alter spielt eine Rolle. Gerade hochwertige Wanderschuhe können äußerlich noch hervorragend aussehen, während das Material der Zwischensohle bereits altert.
Und drittens: Kleine Anzeichen ernst nehmen und rechtzeitig für Ersatz sorgen.
Mein Plan B im Hotel war an diesem Tag jedenfalls Gold wert.
Würde ich gebrauchte Wanderschuhe kaufen?
Ich bin ein großer Fan davon, Dinge weiterzugeben und wiederzuverwenden, wenn sie nicht mehr passen oder nicht mehr gebraucht werden.
Bei Wanderschuhen würde ich nach diesem Erlebnis allerdings eine Ausnahme machen – jedenfalls dann, wenn ich ihr Alter nicht zuverlässig kenne.
Denn genau das ist das Tückische an diesem Sohlenfraß: Man sieht ihn einem Schuh zunächst kaum an. Die Zwischensohle kann altern und ihre Stabilität verlieren, obwohl Obermaterial und Profil noch hervorragend aussehen.
Das Phänomen betrifft übrigens nicht nur die Marke meiner Schuhe. Es hängt mit Materialien zusammen, die bei vielen hochwertigen Wander- und Trekkingschuhen eingesetzt werden.
Werde ich weiterhin in gute Wanderschuhe investieren? – Auf jeden Fall.
Sobald es bergig und felsig wird, gehören gute Wander- oder Trekkingschuhe für mich zur Grundausstattung. Das gilt für meine eigenen Wanderungen genauso wie für meine Fastenwanderungen.
Auch von meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erwarte ich deshalb geeignetes Schuhwerk. Wer bei anspruchsvolleren Touren nur mit Sneakern oder Sandalen kommt, kann an diesen Wanderungen ausdrücklich nicht teilnehmen. Sicherheit geht für mich an dieser Stelle vor.
Bei meinen Fastenwanderungen in Berlin und Umgebung darf es natürlich etwas entspannter zugehen. Die Berge sind hier bekanntlich überschaubar. 😉
Und wenn sich meine alten Wanderschuhe noch einmal neu besohlen lassen? Umso besser. Das Oberleder ist schließlich noch viel zu schön für den Ruhestand.

