Die größte Gefahr: zu viel zu wollen.
Erwartungsdruck kann einen echt fertig machen. Wir sind es so gewohnt, täglich unser Bestes zu geben. Und wenn das mal nicht geht, sind nicht die Umstände schuld, sondern wir hätten uns einfach besser darauf vorbereiten sollen. Also ein bisschen mehr Selbstoptimierung bitte!
Auch beim Fasten tappe ich ab und an in diese Selbstoptimierungsfalle.
Selbstoptimierung komprimiert in einer Woche?
Eine Woche Urlaub soll es richten. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Dennoch erwarten wir, mindestens erholt aus einem Urlaub zurückzukommen. Wenn ich dann noch Fastenwandern buche, will ich natürlich mega ausgeglichen, jugendlich aussehend, fit, gesund und mindestens vier Kilo leichter zurückkommen.
Und weil wir es im Job und Alltag so gewohnt sind, tun wir auch alles dafür, diese Ziele zu erreichen: Vor dem gemeinsamen Frühsport noch ’ne Runde Joggen, Trockenbürsten und ein paar Push-ups für die stolze Brust? Beim Wandern dann bitte unbedingt darauf achten, nicht die Letzte zu sein. Anschließend Leberwickel, Meditation, mindestens zwei Saunagänge und vielleicht noch etwas Yoga. Und da habe ich das Fastentagebuch und die tollen Ratgeber und Bücher, die seit zwei Jahren auf meinem Nachttisch liegen, noch gar nicht erwähnt.
Freizeitstress pur! Ein Paradebeispiel für Selbstoptimierung, komprimiert in einer einzigen Woche.
All diese Pläne sind für sich genommen toll und bereichernd. Ich möchte an dieser Stelle allerdings dringend darauf hinweisen, dass auch ein Fastentag nur 24 Stunden hat. Wir können nicht in einer Woche alles aufholen, was wir vorher an Achtsamkeit, Bewegung, Lernen und gemeinschaftlichem Miteinander verpasst haben!
Was wir aus einer Fastenwoche mitnehmen können
Was ich am geführten Fastenwandern so schätze, sind die vielen Anregungen, die dabei entstehen: durch die professionelle Begleitung, den Perspektivwechsel beim Wandern, in Gesprächen mit anderen Teilnehmenden oder beim Ausprobieren neuer Gewohnheiten. Und vielleicht ist genau eine davon etwas, das auch nach der Fastenwoche einen Platz im Alltag findet.
Eine Wanderung kann bereits Meditation sein, wenn ich sie nicht zu einem Wettbewerb mache. Und ich darf trotzdem als Erste am Ziel sein … oder als Letzte. Es geht nicht darum, den eigenen Ehrgeiz abzuschaffen. Sich anstrengen, etwas schaffen und sich dann darüber freuen kann super glücklich machen. Und Glück ist ausdrücklich auch beim Fasten erlaubt! Dieses Gefühl lässt sich allerdings viel besser genießen, wenn es nicht erzwungen ist.
Was ich über die Jahre gelernt habe: Es geht nicht immer darum, noch mehr aus sich herauszuholen. Manchmal geht es darum, erst einmal ehrlich hinzuschauen, wo man gerade steht. Und das dann auch gelten zu lassen.
Auch Fastenerfahrung schützt nicht vor Überraschungen
Unser Körper reagiert nicht jedes Mal gleich auf das Fasten. Mal brauchen wir mehr Schlaf, mal weniger. Manchmal fallen uns die Wanderungen erstaunlich leicht und manchmal ist jeder Anstieg eine Herausforderung.
Ich faste seit vielen Jahren regelmäßig. Und ausgerechnet nach 15 Jahren Fastenerfahrung erlebte ich zum ersten Mal ein mehrtägiges Stimmungstief, die sogenannte Fastendepression. Da war ich längst selbst Fastenleiterin. Ich war ziemlich überrascht. Warum ausgerechnet dieses Mal? Ich weiß es bis heute nicht. Aufgrund meiner Ausbildung konnte ich die Situation einordnen. Und tatsächlich ging das Stimmungstief wieder vorbei. Aber es hat mir noch einmal deutlich gemacht: Auch mit viel Erfahrung lässt sich beim Fasten nicht alles planen oder kontrollieren.
Gerade weil ich weiß, wie unterschiedlich eine Fastenwoche verlaufen kann, faste ich übrigens nicht selbst mit, wenn ich eine Gruppe begleite. Dann möchte ich meine ganze Aufmerksamkeit und Energie für meine Teilnehmenden haben.
Bewegung ja. Leistungsdruck nein.
Bewegung gehört für mich unbedingt zum Fasten dazu. Beim Wandern kommen Körper und Gedanken in Bewegung. Außerdem setzt körperliche Aktivität während des Fastens wichtige Reize, um unsere Muskulatur zu erhalten.
Nicht jede Wanderung muss ein persönlicher Rekord sein. Nicht jeder Anstieg muss mühelos gelingen. Und manchmal ist es einfach vernünftig, das Tempo herauszunehmen, auch im übertragenen Sinn. Fasten kann auch bedeuten, die eigene Erwartungshaltung loszulassen und wieder wahrzunehmen, was der Körper gerade braucht.
Regeneration kann an einem Tag Wärme und einen Saunagang bedeuten – und am nächsten ein ausgedehntes Nickerchen.
Wir dürfen das in dieser Woche. Und vielleicht nehmen wir ein Stückchen dieser Erlaubnis anschließend mit in unseren Alltag.

